Die Curler von Glarus Belvédère AM feiern einen ungewöhnlichen Erfolg in Russland
Von Rolf Hösli
Damit konnte nun wirklich niemand rechnen: Das Glarner Curlingteam Glarus Belvédère gewinnt am Wochenende sein erstes Turnier auf der Weltcurling-Tour, die mit 7000 Euro dotierten Murom Classics. Der Sieg in der russischen Arbeiter-Stadt kam ebenso abenteuerlich zustande wie die Turnierteilnahme an sich.
An der russisch-pompös zelebrierten Siegesfeier am Freitagabend stand ein Team Glarus zuoberst auf dem Podest, das in dieser Formation zuvor noch nie zusammengespielt hatte. Dass es während der Nationalhymne am Schluss des einwöchigen Turniers auf Sergei Glukhovs Quartett hinunterblicken konnte, überrascht daher doppelt. Schliesslich hat das russische Nationalteam eine Woche zuvor noch eine Super-Elite-WM gezeigt und erst das Bronzespiel verloren - gegen die Schweiz mit Peter De Cruz notabene. Am bedeutend schwächer besetzten Turnier in Murom gewann Turnierfavorit Glukhov dann immerhin den kleinen Final um Platz 3.

Improvisation war gefragt
Dass Platz 1 an die jungen Glarner ging, ist umso erstaunlicher, weil sie die ganze Woche nur zu dritt spielten. Lead Justin Hausherr musste verletzt zuschauen, Marco Hefti reiste aus beruflichen Gründen schon gar nicht an, und Skip Marco Hösli war zwar in Russland, spielte aber bei Zug mit. Die Truppe um Jan Hess nutzte das Turnier als Vorbereitung auf die Universiade, an der sie im kommenden Dezember die Schweiz vertreten wird.
Von der Belvédère-Originalbesetzung blieb bei Glarus somit einzig Philipp Hösli übrig. Er qualifizierte sich zusammen mit Yves Stocker und Tom Winkelhausen als Gruppensieger vorzeitig für die Halbfinals. Und auch die beiden Playoff-Spiele wurden mit sechs, beziehungsweise sieben Steinen Vorsprung jeweils deutlich gewonnen. "Entscheidend war, dass wir unsere Taktik an das schwer zu bespielende Eis anpassen konnten", bilanziert Philipp Hösli.
Bleibende Erinnerungen
Die Glarner Curler kommen aber nicht nur mit einem Turniersieg im Gepäck, sondern auch mit zahlreichen Erlebnissen nach Hause: Die Russen zelebrierten ihr Turnier mit Festivitäten und Zeremonien, wie es sie sonst nur an einer WM gibt. Den Spielern wurde ein umfassendes Rahmenprogramm geboten mit Besichtigungen, Schiffrundfahrt, historischer Schlacht-Aufführung, Gala-Abend und vielem mehr. Dabei musste Glarus nur den Flug nach Moskau bezahlen, alles andere wurde der aktuellen Schweizer Nummer 3 von den Gastgebern offeriert.
Murom hatte vor gut einem Monat bei Glarus noch keiner auf der Rechnung. Das Team hatte die Saison nach der Bronzemedaille an der Schweizer Meisterschaft Anfang Februar längst abgeschlossen und Anfang März das physische Aufbautraining für die neue Saison gestartet. Man plante, erst im Juli wieder aufs Eis zurückzukehren, als der Schweizer Nationaltrainer Thomas Lips mit der Anfrage kam. Wo Murom liegt, mussten alle erst googeln. Nach kurzfristigen Trainings in Biel und Baden, etlichem Papierkrieg und aufwändigen Coronatests, einer längeren Reise und einem erfolgreichen Turnier kennen sie die Stadt nun und werden sie nicht so schnell vergessen.
Zug mit nur zwei Siegen
Murom ist eine historische Arbeiter-Stadt rund 300 Kilometer östlich von Moskau mit nicht ganz 120'000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Die Murom Classics vom 26. bis 30. April sind das letzte Turnier im Kalender der Weltcurling-Tour 2020/2021. Neben einigen russischen und zwei Schweizer Teams spielten trotz der Pandemie auch Schweden (Nyman) sowie zwei türkische Equipen mit. Zug mit Marco Hösli gewann zwei seiner fünf Spiele und belegte in seiner Sechsergruppe Platz 4.
Murom Classics 2021, Resultate Glarus
Gruppenspiele: Schweden (Nyman) – Schweiz (Hösli) 4:7. Russland (Nasonov) – Schweiz (Hösli) 6:8. Schweiz (Hösli) – Türkei (Demirel) 9:3. Schweiz (Hösli) – Russland (Timofeev) 10:2. Schweiz (Hösli) – Russland (Dimitrov) 5:7. Halbfinale: Schweiz (Hösli) – Russland (Junioren) 9:2. Final: Schweiz (Hösli) –Russland (Nasonov) 9:3.

Legende
Selbstvertrauen für die neue Saison: Philipp Hösli kann nach dem unverhofften Turniersieg in Russland zuversichtlicher in die Zukunft blicken.
Bild Rolf Hösli